Der Männerschnupfen

Es war einmal ein kleines Bazillus, das zur Gattung der Homo schnupfiliens gehörte. Hätte man es unter ein modernes Mikroskop gelegt und mit bildgebendem Verfahren bunt gemacht, so hätte man ein kleines bläuliches rundes Kügelchen gesehen, das rund herum mit giftgrünen Stacheln umgeben war. Bis auf eine kleine Stelle, an der exakt 3 Stacheln knallpink waren.
Das kleine Bazillus mit dem schönen Namen war spezialisiert auf männliche Menschen. Wobei sich das „männlich“ lediglich auf die geschlechtliche Form bezog. Denn ob der jeweilige Klient des kleinen Bazillus sich tatsächlich auch charakterlich männlich verhielt, stand meistens auf einem ganz anderen Papier. Oft wechselte dieser nämlich, sobald es temporär in sein System einzog, gründlich seine sonst so archaisch wirkenden Verhaltensweisen. Darauf war es ja auch spezialisiert. Denn entgegen der wissenschaftlichen Meinung, dass Bazillen keine Persönlichkeitsstruktur innehaben könnten, weil ja zu klein und ohne artikulative Fähigkeiten, waren sie sehr wohl in der Lage bewusst biestige Entscheidungen zu treffen.

Der jeweils vom Bazillus besetzte Mann wurde aus dem Stand heraus erschreckend schwer krank. Geradezu lebensbedrohlich krank. Er wurde weinerlich, grätig, aß unkontrolliert komische kulinarische Kombinationen und brauchte übernatürlich viel Zuspruch seiner engsten Familienmitglieder. Bei Licht betrachtet müsste man statuieren, dass der vom Homo schnupfiliens befallene Mann sich verhielte, als durchlebe er die männliche Version der Beschwerden der monatlichen Menstruation der Frauen. Wobei das selbstverständlich nur hinter der vorgehaltenen Hand der sich sorgenden Familie getuschelt wird und wissenschaftlich, aufgrund der mangelnden Kooperation der Herren, leider noch nicht nachgewiesen werden konnte.

Nun, eines Tages war das kleine Bazillus auf der Suche nach einem neuen Klienten. Es suchte sich diesmal wohl etwas unachtsam seinen Neukunden aus. Denn irgendwie verhielt sich dieser sehr atypisch: Er legte sich samt Wärmflasche ins Bett statt weiter in die Arbeit zu gehen. Er trank scheußliche Gesöffe mit Namen Salbeitee und Lindenblütentee statt Bier und den einen oder anderen wärmenden Schnaps. Er aß viele vitaminhaltige bunte Dinge statt saftige Schweinshaxen. Er ging sogar zu so einem weißkitteligen Menschen und schluckte kleine krümelige Zuckerkügelchen, von denen das kleine Bazillus von früherer Kundschaft ja wusste, dass so etwas nur von Mamis und Kleinkindern konsumiert wurde und nichts nutzten konnte. Er schlief auch noch viel und wurde erstaunlich schnell wieder fitter. Doch das allerschlimmste war, dass er in der Lage war, weiterhin mit Familienmitgliedern und auch anderen Menschen freundlich zu interagieren. Kein motzendes Schweigen, kein bedrückendes Grummeln und schon gar keine Infragestellung, ob der momentane Zustand überhaupt überlebbar sei.

Das kleine Bazillus war sichtlich verzweifelt. Mittlerweile waren fast alle seine Stacheln knallpink verfärbt. Wo war es nur gelandet? Sein Klient hatte doch kurze blonde Haare, genug Muskeln, eine dunkle Stimme und war wirklich groß. Es kletterte neugierig am Rotz entlang zur Nasenspitze hinaus um sich ein Bild der Lage zu machen. Neben dem Bett lag ein Buch mit einem Titel, in dem „Fifty“ und „Shades“ vorkam. Mehr konnte das kleine Bazillus leider nicht lesen. Denn ein kleines Kind kam herein und rief: „Mami, ich habe Dir eine heiße Zitrone mit Honig gemacht!“ Schwindelig und entsetzt hüpfte das kleine Bazillus mit dem gerade ins Taschentuch geprusteten Rotz raus aus seinem Klienten. Es hatte sich vertan. Es war nicht in einem männlichen Menschen gelandet, sondern in einem weiblichen Menschen. Was für eine Bazillenkatastrophe! Das war ein echter Anfängerfehler. Frustriert kuschelte es sich in das weiche mit ätherischen Ölen durchtränkte Taschentuch und fiel augenblicklich in komatösen Schlaf.

geschrieben von Stephanie M.-L. Bornschlegl